chinesische Literatur


chinesische Literatur
chinesische Literatur
 
[ç-]. Die seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. bestehende chinesische Literatur ist durch die ideographische Schrift (chinesische Sprache und Schrift) vorgeprägt, die ihre schon durch die geographische Lage gegebene Isolation gegenüber anderen Literaturen verstärkte. Die Unabhängigkeit der Schrift von der Lautentwicklung verlieh der Literatur aber auch eine ungewöhnliche Einheitlichkeit in Raum und Zeit. So konnte (und kann) sie nicht nur von allen Dialektgruppen gelesen werden, die unfähig sind, sich mündlich miteinander zu verständigen, sondern weitgehend auch von Angehörigen fremder Nationen (Japan, Korea, Vietnam), die die chinesische Schrift übernahmen (in Korea und Vietnam wurde der chinesische Anteil in der Schrift, nicht zuletzt aus nationalen Gründen, im Laufe der letzten 50 Jahre mehr und mehr zurückgedrängt; auch in Japan ist diese Tendenz feststellbar, jedoch sehr viel schwächer). Darüber hinaus garantiert sie prinzipiell die unmittelbare Lesbarkeit selbst ältester Texte. Diese Eigentümlichkeit führte zusammen mit der frühen Erfindung der Druckkunst (9. Jahrhundert) zu dem gewaltigen Umfang der chinesischen Literatur, die man seit dem 7. Jahrhundert immer wieder durch Kompilation großer, zum Teil monströser Enzyklopädien (z. B. Yong-le Da-dian, Yung-lo Ta-tien, Beginn des 15. Jahrhunderts, in fast 23 000 Bänden, ungedruckt und größtenteils verloren; Gu-jin tu-shu ji-cheng, Ku-chin t'u-shu chi-ch'eng, 1726, in 10 000 Bänden) zu erfassen suchte. Trotz aller Einheitlichkeit kam es aber zu einem allmählichen Auseinanderklaffen der »Schriftsprache«, die für die anspruchsvolle Literatur die Sprache des 1. Jahrtausends v. Chr. bewahrte, und der als Vorlage für den mündlichen Vortrag geeigneten geschriebenen »Umgangssprache«, die in für die niederen Volksschichten bestimmten Werken Verwendung fand. Der didaktische Wert der Literatur (die Bezeichnungen für »Literatur« und »Kultur« sind im alten Chinesischen identisch) stand meist im Vordergrund, wie die fast zwei Jahrtausende geltenden, literarisch ausgerichteten Staatsprüfungen beweisen; eine »reine« Literatur hat es bis in die Gegenwart hinein nur selten gegeben. Ein weiteres Charakteristikum der chinesischen Literatur war die starke Bindung an feste Formen (Zitate, Metaphern, historische Vorbilder, Topoi, Parallelismen u. a.), die mit der Eigentümlichkeit der chinesischen Sprache zusammenhängen. Gegen diese traditionellen Muster wandte sich die 1917 beginnende »Literarische Revolution« (Hu Shi), die in die politisch-kulturelle »Vierter-Mai-Bewegung« (1919) einmündete und die »Umgangssprache« als allgemeines Kommunikationsmittel auch in der Literatur durchsetzte, nachdem die »Schriftsprache« und die in ihr geschriebene Literatur bereits durch die Abschaffung der Staatsprüfungen 1905 entscheidend an Bedeutung verloren hatten. Trotz viel versprechender Ansätze in den 20er- und 30er-Jahren beginnt eine eigenständige moderne chinesische Literatur sich erst heute allmählich herauszubilden, wobei sich die von jeher gewohnte, im letzten halben Jahrhundert aber immer stärker akzentuierte Verpflichtung der Literatur auf ideologische Ziele wiederholt als problematisch erwies.
 
Die Trennungslinien zwischen den einzelnen Bereichen der Literatur sind deshalb selten ganz klar zu ziehen, je älter die einzelnen Werke sind, desto weniger. Die traditionelle Bibliographie unterschied vier Grundkategorien (Si-ku, Ssu-k'u; »Vier Speicher«), die für die Einteilung der schriftsprachlichen Literatur bis heute gebräuchlich sind: 1. kanonische Schriften (Jing, Ching); 2. Geschichtsschreibung (Shi, Shih), unter die auch Schriften über Geographie, Wirtschaft, Staatsorganisation u. Ä. fallen; 3. Fachschriftsteller (Zi, Tzu), unter denen Werke zur Philosophie, Naturwissenschaft und Kunst ebenso aufgeführt werden wie Enzyklopädien; 4. »Sammlungen« (Ji, Chi).
 
Die kanonischen Schriften bieten einen Querschnitt durch die Literatur des 7.-3. Jahrhunderts v. Chr., der durch die konfuzianische Tradition sanktioniert worden war. Die Grundlage bilden die »Fünf Klassiker«: 1. Yi-jing (I-ching, I Ging, »Buch der Wandlungen«), ursprünglich ein Orakelbuch, das durch spätere Kommentare Grundlage unzähliger philosophischer und pseudonaturwissenschaftlicher Lehren wurde; 2. Shu-jing (Shu-ching, »Buch der Urkunden«), eine Sammlung ritueller historischer Dokumente, so etwa von (fiktiven) Ansprachen legendärer Urkaiser; 3. Shi-jing (Shih-ching, »Buch der Lieder«), eine Kompilation von Hof- und Volksliedern; 4. Li-ji (Li-chi, »Buch der Sitte«), Ritualtraktate unterschiedlichster Herkunft; 5. Chun-qiu (Ch'un-ch'iu, »Frühling und Herbst«), eine Konfuzius selbst zugeschriebene Chronik seines Heimatstaates Lu, die durch die Auswahl und Wortgebung moralischer Geschichtskritik geübt haben soll. Diese fünf Werke wurden später durch die Verselbstständigung von Einzelkapiteln oder von Kommentaren sowie durch die Einbeziehung ganz neuer Texte, unter denen Lun-yu (Lun-yü, »Gespräche des Konfuzius«), Mengzi (Meng-tzu, »[Lehren des] Menzius«), Xiao-jing (Hsiao-ching, »Klassiker der Kindesliebe«), Da-xue (Ta-hsüeh, »Große Lehre«) und Zhong-yong (Chung-yung, »Innehalten der Mitte«) besonders bedeutsam waren, auf bis zu 13 kanonische Bücher erweitert. Die zahlreichen zusätzlichen, häufig sehr kontroversen Kommentare, hinter denen sich oft völlig selbständige Philosophien verbargen, wandten sich in der Spätzeit zunehmend philosophischen Problemen zu und ließen eine reiche Fachliteratur (Lexika, Epigraphik) entstehen, die seit dem 17. Jahrhundert auch auf dem Gebiet der Textkritik Hervorragendes leistete, gleichzeitig aber die Autorität der kanonischen Schriften selbst aushöhlte und den Niedergang des Konfuzianismus einleitete.
 
Der hohe Stellenwert, den die Geschichtswissenschaft in China besaß, spiegelt sich indirekt darin wider, dass ihr keine eigentliche epische Dichtung vorausging und dass auch altes Mythengut höchstens bruchstückhaft rekonstruiert werden kann. Am Anfang stehen seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Anekdotensammlungen (Zhan-guo ce, Chan-kuo ts'e, »Pläne der kämpfenden Staaten«; Guo-yu, Kuo-yü, »Staatsgespräche«). Die offizielle Reichsgeschichtsschreibung beginnt im 1. Jahrhundert v. Chr. mit dem Shi-ji (Shih-chi, »Historische Aufzeichnungen«) des Sima Qian (Ssu-ma Ch'ien, * 145, ✝ um 90). Sein Werk wurde fortgesetzt durch eine Reihe von einzelnen Dynastiegeschichten, die jeweils von der neuen, siegreichen Dynastie als Bestandteil der eigenen Legitimation in Auftrag gegeben wurden. Die letzte dieser Dynastiegeschichten, die der Mandschudynastie Qing (1644-1911 /12), wurde noch 1927 durch eine Gelehrtenkommission herausgegeben. Parallel dazu gab es eine Fülle von privaten Geschichtsaufzeichnungen und, unabhängig davon, eine seit dem 10. Jahrhundert stark hervortretende, Dynastien übergreifende, rein annalistische Historiographie. In allen Geschichtswerken werden auch geographische, wirtschaftstheoretische u. ä. Probleme behandelt, oft stehen sie sogar im Mittelpunkt. V. a. über die Biographien, die einen Großteil der Geschichtsliteratur ausmachen, und zum Teil auch über die bedeutende Reiseliteratur drangen zudem Erzählstoffe in die Geschichtsliteratur ein. Da umgekehrt der Zug zum Historischen für das gesamte erzählende Schrifttum sehr typisch war, wanderten manche Motive zwischen der erzählenden und der historischen Literatur hin und her.
 
Unter den »Fachschriftstellern« kommt den Philosophen die größte Bedeutung zu. Ihre Schriften sind insofern literarisch besonders bedeutsam, als die Argumentation bei ihnen oft von anekdotenhaften Geschichten getragen wird (chinesische Philosophie und Religion). Das gilt zum Teil auch noch für die anderen geisteswissenschaftlichen, technischen, naturwissenschaftlichen (Medizin u. Ä.) oder pseudonaturwissenschaftliche (Astrologie, Mantik u. Ä.) Texte dieser Kategorie, in besonderem Maße aber für die »Pinselnotizen« (Bi-ji, Pi-chi) und die »Kleinen Berichte« (Xiao-shuo, Hsiao-shuo), die, sehr umfangreich, eine Fülle von zwischen Wahrheit und Fiktion (z. B. Anekdoten, Geistergeschichten u. Ä.) angesiedelten literarischen Stoffen enthalten. Hierzu gehört auch die bedeutsame schriftsprachliche Novellistik, die im 7. bis 9. Jahrhundert und dann wieder im 17. Jahrhundert (»Liao-zhai zhi-yi« [»Liao-chai chih-i«] des Pu Songling [P'u Sung-ling], * 1640, ✝ 1717) Höhepunkte erreichte und von analogen Literaturformen in Umgangssprache teils angeregt wurde, teils auch wieder auf sie ausstrahlte. Die schon an der Bezeichnung »klein« ablesbare Geringschätzung dieser Gattungen seitens der Gelehrtenschaft beruhte darauf, dass ihnen kein pädagogischer Wert beigemessen wurde. Bezeichnenderweise wurde der Begriff »Kleine Berichte« später auch auf erzählende Literatur in Umgangssprache, speziell auf den Roman, übertragen.
 
Unter den »Sammlungen«, der letzten Gruppe in der traditionellen Einteilung, finden sich alle Werke eingeordnet, die als »schöne Literatur« im engeren Sinn galten. Eine nicht unmittelbar unter historische, weltanschauliche oder fachliche Kategorien einzuordnende Prosaliteratur bildete sich z. B. in Landschafts- und Palastbeschreibungen seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. heraus und fand (wahrscheinlich zum Teil bereits unter fremdem Einfluss) ihre Vollendung im 3. bis 6. Jahrhundert, wovon die berühmte Sammlung Wen-xuan (Wen-hsüan, »Anthologie«) des Xiao Tong (Hsiao T'ung, * 501, ✝ 531) Zeugnis ablegt. Die Literaturkritik entwickelte sich in derselben Periode mit dem Lun-wen (»Literaturessay«) des Cao Pei (Ts'ao P'ei, * 187, ✝ 226), dem Wen-fu (»Prosagedicht zur Literatur«) des Lu Ji (Lu Chi, * 261, ✝ 303) und dem überragenden Wen-xin diao-long (Wen-hsin tiao-lung, »Herz der Literatur und Schnitzen von Drachen«) des Liu Xie (Liu Hsieh, * um 465, ✝ um 530). Die mit preziösem Vokabular und ständigen Parallelen (»Parallelstil« Pian-wen, P'ien-wen) arbeitende Prosa wurde seit dem 8. Jahrhundert allmählich von einer sehr viel einfacheren, klareren Ausdrucksform (»Alt-Stil« Gu-wen, Ku-wen) abgelöst (Han Yu [Han Yü], * 768, ✝ 824, und Liu Zongyuan [Liu Tsung-yüan], * 773, ✝ 819). Die Lyrik ist in ihrer (qualitativ und quantitativ) großen Bedeutung für die chinesische Literatur das eher naturnah und persönlich gestimmte Gegengewicht zur vorwiegend gesellschafts- und geschichtsbezogenen Prosa; hier bilden die im 2. Jahrhundert v. Chr. aus etwas älteren Quellen kompilierten Chuci (Ch'u-tz'u, »Elegien von Chu«) mit dem Li-sao (»Der Trauer verfallen«) des Qu Yuan (Ch'ü Yüan, * um 343, ✝ um 277) als dem berühmtesten Stück den Ausgangspunkt für das »Fu«, eine relativ freie Gedichtform im 6- oder 7-Wort-Metrum. In der gleichen Zeit wurden auf staatliche Initiative auch volkstümliche Balladen und Romanzen gesammelt, die im Unterschied zum 4-Wort-Metrum des Shi-jing (Shih-ching) meist ein 5-Wort-Metrum einhielten. Wenig später entwickelte sich wahrscheinlich daraus das »regelmäßige Gedicht« (Lü-shi, Lü-shih), das ebenfalls einem 5-Wort- oder (seit dem 7. Jahrhundert) auch einem 7-Wort-Metrum folgte. Schon von den berühmtesten Dichtern im Goldenen Zeitalter der chinesischen Poesie wie Li Taibai (Li T'ai-pai, Li T'ai-po, * 701, ✝ 762), Du Fu (Tu Fu, * 712, ✝ 770), Wang Wei (* 699, ✝ 759) und Bo Juyi (Po Chü-i, * 772, ✝ 846) verwendet, stellte es bis in die Gegenwart die (wegen ihrer Kürze auch im Westen) beliebteste Gedichtform dar. Im 10. Jahrhundert trat hierzu das Kunstgedicht Ci (Tz'u), bei dem die Texte nach der komplizierten Metrik vielfach schon längst verlorener Melodien geschrieben wurden. Bei allen Gedichtformen spielten jedoch neben dem Reim der Wortrhythmus und die Verteilung der für jedes chinesisches Wort charakteristischen »Worttöne« eine wichtige Rolle. Die seit dem 11. Jahrhundert wieder stark auflebende, unter der Bezeichnung »Gedichte und Reden« (Shi-hua, Shih-hua) laufende Literaturkritik beschäftigte sich bis in die Neuzeit vorwiegend mit der Gedichttheorie.
 
Außerhalb der erwähnten Gelehrtenliteratur im Rahmen der »Vier Speicher« steht die äußerst umfangreiche religiöse Literatur des Taoismus und des Buddhismus, die verschiedentlich in riesigen Sammelwerken (»Taoistischer Kanon«, »Buddhistischer Kanon«) zusammengefasst wurde. Die buddhistischen Werke setzen sich großenteils aus (oft mehrfachen) Übersetzungen aus dem Sanskrit, Pali und Tibetischen zusammen, die seit dem 1. Jahrhundert n. Christus angefertigt wurden. Viele religiöse, namentlich buddhistische Texte sind in Umgangssprache oder einem der (damaligen) Umgangssprache sehr nahen Stil abgefasst, weil sie auch vorgelesen wurden und für einen wissenschaftlichen nicht gebildeten Zuhörerkreis verständlich sein mussten. Wie die Entdeckung einer umfangreichen, im 9. Jahrhundert bei Buddhistenverfolgungen versteckten Bibliothek in Dunhuang (Gansu) gezeigt hat, schlossen diese Texte auch ursprünglich nichtbuddhistische volkstümliche Werke in Umgangssprache ein, z. B. Geschichten, die für Predigten als Parabeln verwendbar waren (Pian-wen-Lit., Pien-wen-Lit.). Sie sind die frühesten erhaltenen Zeugen einer profanen umgangssprachlichen Literatur, die sicher lange Zeit mündlich überliefert, spätestens seit dem 10. Jahrhundert aber in den Vortragsbüchern der Geschichten- und Romanerzähler (Hua-ben, Hua-pen) schriftlich niedergelegt wurde. Diese Literaturgattung wurde also ursprünglich (was zum Teil noch heute gilt) von dem Einzelnen nicht selbst gelesen, sondern ihm vorgetragen und stand damit in verhältnismäßig enger Beziehung zu Theater und Oper; die Texte bildeten nicht selten Vorformen für Dramentexte und Libretti in der ersten vollen Blüte des Theaters im 13./14. Jahrhundert (chinesisches Theater). Der Roman, der, wie auch das Drama, eine Tendenz zu einer Vielzahl von einzelnen, weitgehend isolierten Handlungsabläufen mit sehr vielen Personen aufweist, entwickelte sich seit dem 14. Jahrhundert Thematisch stehen Geschehnisse um Ritter und Räuber, übernatürliche Wesen, Liebes- und Familienbeziehungen, kriminelle Taten sowie Reisen im Vordergrund, ähnlich wie letztlich schon in der viel älteren schriftsprachlichen Novellistik. Berühmt wurden die historischen Romane San-guo zhi yan-yi (San-kuo chih yen-i, »Drei Reiche«) und Shuihu Zhuan (Shui-hu chuan, wörtlich »Erzählung von Wasser- und See[-Bewohnern]«, d. h. von Räubern), beide 14./15. Jahrhundert, der satirisch-mythische Xi-you ji (Hsi-yu chi, »Reise nach dem Westen«) und der erotische Roman Jinpingmei (Chin-p'ing-mei, »Pflaumenblüte[n] in goldener Vase«), beide 16. Jahrhundert, und v. a. der Familienroman Hong-lou-meng (Hung-lou-meng, »Traum der Roten Kammer«) aus dem 18. Jahrhundert. Das Anschwellen der Produktion dieser Art Literatur, die seit dem 17. Jahrhundert durch eine relativ stark anwachsende Lesefähigkeit nun auch schon das Publikum selbst erreichte und sich in vielen, zum Teil illustrierten Ausgaben niederschlug, führte im 19. Jahrhundert auch zu einer gewissen Verflachung.
 
Der westliche Einfluss auf die chinesische Literatur begann trotz der auf anderen Gebieten seit dem 16. Jahrhundert recht wirksamen Jesuitenmission erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als (nicht selten unter dem Eindruck japanischer Vorauswahlen aufgrund der in Japan früher einsetzenden Übersetzungstätigkeit und neu geprägter japanischer Termini) eine Vielzahl europäischer und amerikanischer Werke übersetzt wurde. Berühmte Übersetzer wissenschaftlicher Texte waren u. a. Yan Fu (Yen Fu, * 1854, ✝ 1921), für schöne Literatur Lin Shu (* 1852, ✝ 1924). Der Durchbruch erfolgte etwa 1920, als mit der Abschaffung der Schriftsprache die bis dahin übermächtige traditionelle Literatur in den Hintergrund gedrängt wurde, stattdessen aber nicht die autochthone umgangssprachliche Literatur, sondern die westliche, in die moderne Umgangssprache übersetzte Literatur Vorbildcharakter annahm; Spuren der eigenen Tradition ließen sich zunächst noch am ehesten in den eindrucksvollen Novellen und Kurzgeschichten wieder finden. Führende Schriftsteller waren u. a. Lu Xun (Lu Hsün, * 1881, ✝ 1936), Mao Dun (Mao Tun, * 1896, ✝ 1981), Yu Dafu (Yü Ta-fu, * 1896, ✝ 1945), Ba Jin (Pa Chin, * 1904), Ding Ling (Ting Ling, * 1904, ✝ 1986), Lao She (* 1899, ✝ 1966) und der Dichter Ai Qing (Ai Ch'ing, * 1910); großen Einfluss besaßen darüber hinaus viele literarische Gesellschaften und Zeitschriften. Krieg und Bürgerkrieg führten aber seit Ende der 20er-Jahre zu einer massiven Politisierung der Literatur, nachdem schon vorher die Gesellschaftskritik bevorzugtes Thema gewesen war.
 
Innerhalb der chinesischen KP wurden die Schriftsteller 1942 von Mao Zedong (Mao Tse-tung) auf die Schaffung einer Klassenliteratur festgelegt, die einerseits das Denken und Fühlen des Proletariats artikulieren, andererseits eine bestimmte Erziehungsfunktion erfüllen sollte; der althergebrachte ideologische Auftrag wurde also, wenngleich unter einem anderen Vorzeichen, erneuert. Nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 wurden die meisten prominenten Schriftsteller und Literaturwissenschaftler mit Schreibverbot belegt, wenn nicht schon in der Rektifikationskampagne 1957, die der »Hundert-Blumen-Bewegung« (1956) folgte, so während der »Kulturrevolution« (1965/66 bis 69). Förderung erfuhren das einfache Gedicht in der Umgangssprache (Bewegung zum Massendichten 1968), die »Reportageerzählung« aus dem Bauern- und Arbeitermilieu sowie eine Art zeitgenössischer Heldenroman mit Verherrlichung des Kampfes gegen Landes- und Klassenfeinde und gegen Naturgewalten. Während der »Kulturrevolution« beschränkte sich die Literatur nahezu ausschließlich auf die Publikation der Werke Mao Zedongs in über 3 Mrd. Exemplaren. Nach Mao Zedongs Tod 1976 erfuhr die Literatur jedoch eine rasche Neubelebung. Fast alle verfemten modernen Schriftsteller wurden (zum Teil postum) rehabilitiert, und es begann eine intensive Beschäftigung mit der eigenen klassischen und mit der westlichen Literatur. In der neueren Prosa ist neben der Kurzgeschichte (z. B. bei Wang Meng, * 1934) das Hervortreten des »Kleinromans« bemerkenswert, der eine differenziertere Behandlung des Helden erlaubt und selbst innere Monologe und Dialoge einschließt. In Auswahlbänden wird seit 1980 auch die in Taiwan entstandene Literatur vorgestellt, die die Entwicklung der 20er-Jahre seit 1950 ungebrochen fortgesetzt hat und mit ihren teils romantischen, teils spontan sozialkritischen Motiven eine Belebung für die festländische Literatur bedeutete. Die Niederschlagung der Proteste junger Intellektueller in Peking und anderen chinesischen Städten am 3./4. 6. 1989 führte zu einer grundlegenden Wandlung des literarischen Lebens. Einerseits entwickelte sich eine Exilliteratur durch die Emigration vieler Schriftsteller, darunter v. a. in letzter Zeit hervorgetretene pessimistische hermetische Dichter und Schriftsteller aus deren Umfeld (Bei Dao [Pei Tao], * 1949; Yang Lian [Yang Lien], * 1955; Duo Duo [To To], * 1951; Gu Cheng [Ku Ch'en], * 1956, ✝ 1993), die einerseits, weil ausschließlich in Chinesisch geschrieben, eine begrenzte Wirkung v. a. in der Lyrik bei Auslandschinesen und in Taiwan erzielte, aber auch internationale Aufmerksamkeit weckten. Andererseits verbreitete sich im Lande die »Reportageliteratur«, die verdeckt Gesellschaftskritik äußerte und ihren Autoren oft Verfolgungen eintrug (z. B. Liu Binyan [Liu Bin-yan], * 1925, Dai Qing [Dai Ch'ing], * 1941). Am entscheidendsten aber war die Hinwendung zur reinen Unterhaltungsliteratur, die von der Staatsführung mindestens indirekt gefördert wurde und sehr viele bis dahin traditionell von politischem Ethos und Eifer erfüllte Schriftsteller ihre öffentliche Mission vergessen lässt (seit 1990 gibt es in China ein nationales Urheberrechtsgesetz). Durch Filmstoffe erlangten einige Autoren große Breitenwirkung und finanzielle Unabhängigkeit, so z. B. Wang Shuo (* 1958). Nur wenige verfolgen trotz öffentlicher Kritik und Unterdrückung weiterhin gesellschaftliche Anliegen, wie die durch Filme berühmt gewordenen Autoren Mo Yan (Mo Yen, * 1956) mit dem» Roten Kornfeld« (1987, nach der gleichnamigen Kurzgeschichte, 1986) und Su Tong (Su T'ung, * 1963) mit der »Schar von Frauen und Konkubinen« (1991, Filmvorlage für »Rote Laterne«, 1991). Zur neuen avantgardistischen Literatur gehört auch die Prosa von Liu Zhenyun (Liu Chen-yün, * 1958). Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die explosionsartige (als eine ungefährliche Äußerung von Freiheitsverlangen zugelassene) Ausbreitung erotischer Literatur (u. a. Jia Pingwa [Chia P'ing-wa], * 1953; Zhu Lin [Chu Lin]), Tendenzen zum »absurden Theater« und zu einer existenzialistischen Lebensauffassung (Liu Suolas, * 1955, zum Slogan gewordener Roman »Du hast keine Wahl«, 1985). Daneben mehren sich aber Stimmen, die die Sorge um moralische Auflösung und den Verlust der eigenen Geschichte artikulieren.
 
 
Allgemeines:
 
W. Grube: Gesch. der c. L. (1902);
 R. Wilhelm: Die c. L. (1930);
 J. R. Hightower: Topics in Chinese literature (Neuausg. Cambridge, Mass., 1953);
 S.-J. Chou: A brief history of Chinese fiction (Neuausg. Peking 1959);
 S.-Y. Ch'ên: Chinese literature, a historical introduction (New York 1961);
 
Chinese narrative, hg. v. A. H. Plaks (Princeton, N. J., 1977);
 E. Feifel: Gesch. der c. L. (41982);
 
Expressions of self in Chinese literature, hg. v. R. E. Hegel u. R. C. Hessney (New York 1985);
 H. Schmidt -Glintzer: Gesch. der c. L. (Bern u. a. 1990);
 D. Zhang: Seelentrauma. Die Psychoanalyse in der modernen c. L. (1994).
 
Anthologien: Die goldene Truhe. Chinesische Novellen aus 2 Jahrtausenden, herausgegeben und übersetzt von W. Bauer und H. Franke (1959); Anthology of Chinese literature, herausgegeben von C. Birch, 2 Bände (New York 1965-72); An anthology of Chinese verse, herausgegeben von J. D. Frodsham (aus dem Chinesischen, Oxford 1967); Sunflower splendor. 3000 years of Chinese poetry, herausgegeben von W.-C. Liu und I. Yucheng Lo (Bloomington, Indiana, 1975); Literature of the People's Republic of China, herausgegeben von K.-Y. Hsu (Bloomington, Indiana, 1980); Moderne chinesische Erzählungen, herausgegeben von V. Klöpsch u. a., 2 Bände (1980); Blick übers Meer. Chinesische Erzählungen aus Taiwan, herausgegeben von H. Martin (1982); Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne. Moderne chinesische Lyrik 1919-1984, herausgegeben von W. Kubin (1985).
 
Moderne Literatur:
 
J. Prusek: Die Lit. des befreiten China u. ihre Volkstraditionen (a. d. Tschech., Prag 1955);
 
C.-T. Hsia: A history of modern Chinese fiction, 1917-1957 (New Haven, Conn., 1961);
 
D. W. Fokkema: Literary doctrine in China and Soviet influence 1956-60 (Den Haag 1965);
 
L. O.-F. Lee: The romantic generation of Chinese writers (Cambridge, Mass., 1973);
 
M. Goldman: Literary dissent in communist China (Cambridge, Mass., 1967);
 
M. Goldman: Modern Chinese literature in the May Fourth Era (ebd. 1977);
 
Lit. u. Politik in der VR China, hg. v. R. C. Wagner (1983);
 
Moderne c. L., hg. v. W. Kubin (1985).
 
 
G. Debon: Ts'ang-lang's Gespräche über die Dichtung (1962);
 T.-A. Hsia: The gate of darkness (Seattle, Wash., 1968);
 M. Galik: The genesis of modern Chinese literary criticism (a. d. Tschech., London 1980).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
chinesische Dichtkunst und ihr Höhepunkt in der Tang-Dynastie
 
chinesische Novelle und chinesischer Roman: Von wahren und übernatürlichen Begebenheiten
 
chinesische Schrift und Kalligraphie
 
chinesisches Theater als Gesamtkunstwerk
 
kanonische Schriften: Symbol der Tradition
 

Universal-Lexikon. 2012.

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